• Impressionen aus Königsbach-Stein
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Plädoyer für den Dialekt

Mundartdichter Wolfgang Müller beklagt in Stein: Der Dialekt hat es heute oft schwer

Was ein „Schuhbändel“ ist, das dürften die meisten noch erahnen können. Aber was bedeutet „lipfen“, „plotze lasse“, „do hanne“, „bussieren“, „Gosch“, „Bolle“, seller“ oder „hinnedrunnedrauße“? Wolfgang Müller weiß es. Er kennt sich bestens aus mit dem hiesigen Dialekt und lässt sein Publikum bei einem vom VdK organisierten Mundartnachmittag im Steiner Gemeindehaus an seinem Wissen teilhaben. Zwei Stunden lang philosophiert er über Sinnesstörungen, über das Verhältnis unter Nachbarn und über vergangene Zeiten, als Kinder noch „uff de Gas‘“ spielten und für „Brausestäble“ zusammenlegten, als Liebesbeziehungen noch „hälingen“ entstehen mussten, als es noch in jeder Straße eine Hedwig gab und man noch oft den Satz hörte: „Du wirst es doch verwarten können.“ Er erzählt, wie er vor rund 50 Jahren seine Frau Rosie bei der Sonnenwendfeier kennenlernte und was seine Oma ihm als kleiner Bub einst sagte: „Wenn der ein Viech geworden wäre, dann wäre er ein Luchs geworden“. Müller will die heimische Mundart im Gespräch halten, sie vor dem Aussterben bewahren.

 

Heute habe es der Dialekt oft schwer. Es gebe nicht wenige Eltern, die von Kindergärten verlangen, dass dort nur Hochdeutsch gesprochen wird. Auch in den Schulen und im Beruf sei der Dialekt nicht immer gern gesehen. Müller kann das nicht verstehen. Für Mundart müsse man sich nicht genieren, sagt er. Ihm macht es Sorgen, dass es künftig nur noch Standardsprache geben soll. „Da macht man ganz viel kaputt in den Dörfern.“ Zehn Jahre lang war Müller einer von 20 Autoren für das von SWR4 produzierte „Gutsele“. Mittlerweile hat der gebührenfinanzierte Sender das Format eingestellt. Auch so etwas, das Müller nicht versteht. Mit seinen selbstgeschriebenen Texten steht er regelmäßig auf den Bühnen der Region und wirkt auch an Mundartgottesdiensten mit. Beim Publikum in Stein kommt sein Programm gut an. Immer wieder tosender Beifall. – Nico Roller

 

 

„Stoinemer Salzweck“

Der Steiner nennt sich selbst „Stoinemer“, wird aber auch als „Salzweck“ bezeichnet. Woher die Verbindung zu der Backware kommt, weiß Müller nicht genau. Verschiedene Erklärungen kommen infrage. Müller bevorzugt diese: Wenn die jungen Männer aus Stein früher mit der Bahn nach Pforzheim fuhren, dann mussten sie zuerst einige Kilometer bis nach Königsbach auf den Bahnhof laufen. Vom Fußweg bekamen sie Hunger und aßen in der Bahn einen Salzweck, weil sie von dem gut abbrechen und ihn so mit den jungen Frauen im Zug teilen konnten. Wenn der Zug in Königsbach hielt, wussten die Frauen schon: „Jetzt steigt gleich mein Salzweck ein.“ Müller sagt, früher habe man an kleinen Unterschieden in der Aussprache von Dialektwörtern erkennen können, woher der Sprecher kam, etwa bei den Wörtern „anneweg“ oder „niemar“. Auch gab es Wörter, die man nur in einem Dorf benutzte. In Söllingen etwa sagte man „mit einer Hack‘ im G’sicht“, wenn jemand betrunken war. – rol

Veröffentlicht am Dienstag, 15. Oktober 2019