• Impressionen aus Königsbach-Stein
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Ein Stück Normalität

In der Steiner Heynlinschule hat für Schüler und Lehrer eine neue Form von Unterricht begonnen
Eine Maske muss Lehrerin Miriam Kammerer tragen, wenn sie zu einem Schüler an den Platz kommt, um ihm etwas zu erklären. (rol)

Es ist ruhig, viel ruhiger als sonst. Kein Gelächter, kein Gewusel, keine tobenden Kinder. Unter dichten Wolken liegt der Pausenhof der Steiner Heynlinschule verlassen da. Die Drittklässler warten vor dem Schulgebäude – überpünktlich. Alle halten Abstand, alle haben ihre Schutzmasken schon aufgezogen. Ohne die dürfen sie nicht ins Gebäude. Die zu ihrem Klassenzimmer im ersten Stock führende Treppe betreten sie einzeln, dann waschen sie gründlich die Hände und setzen sich auf ihren Platz. Dort dürfen sie die Maske wieder abnehmen. „Das machen die Kinder ganz toll“, sagt Miriam Kammerer. Die Klassenlehrerin ist voll des Lobes und berichtet, die Schüler seien im Umgang mit den Regeln schon sehr routiniert. An diesem Morgen geht es im Unterricht unter anderem um Verben. Momentan sei man dabei, die Inhalte aus dem Homeschooling noch einmal zu vertiefen, erklärt Kammerer, die im Heimunterricht der vergangenen Wochen auch viel Positives sieht: „Das war keine verlorene Zeit.“ Die Schüler hätten viel dazugelernt. „Ich hatte viel und intensiven Kontakt zu den Schülern und zu ihren Eltern.“

 

Nun sieht sie ihre Drittklässler wieder regelmäßig von Angesicht zu Angesicht – aber nicht alle gleichzeitig, sondern nur die Hälfte der Klasse. Vielen habe die Schule, der Kontakt zu den Lehrern und zu den Klassenkameraden gefehlt. „Sie haben sich sehr gefreut, dass sie wieder hier sein können.“ Kammerer spricht von einem Schritt zurück in die Normalität, sagt aber auch, dass vieles nach wie vor nicht möglich sei. Etwa der Erzählkreis am Montagmorgen oder das gemeinsame Singen eines Begrüßungs- und Abschiedslieds. Weil viele Schüler auch die andere Hälfte der Klasse vermissen, hat sich Kammerer eine Aktion einfallen lassen: Jeder Schüler gestaltet ein großes Puzzleteil. Am Ende der Woche werden alle zusammengefügt, um so zumindest symbolisch ein Gefühl der Verbundenheit zu schaffen. In ein paar Wochen sollen laut Kultusministerium die Grundschulen wieder den Regelbetrieb aufnehmen – auch in Stein. „Da sind wir derzeit am Planen“, erklärt Rektorin Carolin Krauth.

 

Momentan kommen in der Grundschule in einer Woche die ersten und dritten Klassen, in der Folgewoche die zweiten und vierten. Die Kinder haben jeden Tag 90 Minuten Unterricht in halber Klassenstärke – zeitversetzt, damit sich die Gruppen nicht begegnen. Bei den Haupt- und Werkrealschülern kommen in einer Woche die Fünft- und Siebtklässler, in der anderen die Sechst- und Achtklässler. Das Ganze läuft ähnlich wie in der Grundschule – mit dem wesentlichen Unterschied, dass die Schüler nicht jeden Tag erscheinen, sondern tageweise Blockunterricht haben. Krauth sagt, die Schüler seien sehr diszipliniert beim Befolgen der Verhaltensregeln. „Wir haben den Eindruck, dass die Eltern da toll vorgearbeitet haben, dafür sind wir sehr dankbar.“ Die aktuelle Situation beschreibt die Rektorin als Spagat zwischen dem Umsetzen der Vorgaben und dem Im-Blick-Behalten der Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen. Man freue sich, dass ein gewisser Alltag einkehre. Und man wisse, was Schüler und Eltern in den vergangenen Wochen geleistet haben. Krauth berichtet von einem Lehrer, der seinen Sechstklässlern eine Urkunde dafür überreicht hat, dass sie 72 Tage Homeschooling durchgehalten haben.

 

Als man den Unterricht wieder aufgenommen habe, sei über alle Klassen hinweg deutlich geworden, dass es eine stabile Beziehungsebene zwischen Schülern und Lehrern gebe. „Das zeigt, dass die pädagogische Arbeit Früchte trägt und weiterhin einen hohen Stellenwert haben muss.“ Auch Lutz Kiebelstein hat mit seinen Neuntklässlern in der Homeschooling-Zeit Kontakt gehalten – per Videokonferenz und Telefon. Die meisten seiner Schüler erkennen jetzt, welche Vorteile der Präsenzunterricht hat. „Da macht man auch was, da hat man keine Ausreden und kann direkt Fragen stellen“, sagt ein Mädchen: „Man ist motivierter.“ Und einer ihrer Mitschüler meint: „Zu Hause lässt man sich viel schneller ablenken.“ An die neuen Regeln haben sie sich schon gewöhnt. Sie wissen, dass sie Abstand halten und Hände waschen müssen, dass sich die verschiedenen Schülergruppen nicht vermischen dürfen – noch nicht einmal auf dem Pausenhof. An der Heynlinschule ist der Schulalltag zurück, ein in neuer Schulalltag in Zeiten von Corona. – Nico Roller

 

Fotos

 

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Eine Maske muss Lehrerin Miriam Kammerer tragen, wenn sie zu einem Schüler an den Platz kommt, um ihm etwas zu erklären. (rol)

 

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Versiert im Umgang mit den neuen Verhaltensregeln sind die Schüler von Lehrer Lutz Kiebelstein. In der Homeschooling-Zeit setzte er auf Videokonferenzen und Telefonieren. (rol)

 

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Ihre Abschlussprüfungen schrieben die Neuntklässler in der Sporthalle. (Foto: Kiebelstein)

Veröffentlicht am Freitag, 26. Juni 2020