| Ein vergilbtes Blatt der „Karlsruher Zeitung“ vom 17. Mai 1827,
das im Pfarrarchiv aufbewahrt wird; ferner ein ausführlicher Eintrag
von Dekan Gräbener im Steiner Kirchenbuch des gleichen Jahres und
eine Niederschrift des Bürgermeisters Mößner vom Jahre 1842 geben
uns Kunde von diesem Naturereignis, dem sogenannten „Steiner
Wassertag“. Im Archiv des Rathauses befindet sich eine genaue
Schadensfeststellung, in der alle Bürger namentlich und die von ihnen
erlittenen Verluste im einzelnen aufgeführt sind. Wie diese Urkunden berichten, zog an dem genannten Tage,
nachmittags zwischen 5 und 6 Uhr, von Nordosten ein Gewitter auf.
Zunächst maß man dem aufziehenden Unwetter keine besondere Bedeutung
bei. Aber im Laufe einer halben Stunde entwickelte es sich zu einem
„mit Donner, Hagel und Blitz begleiteten, bei Menschen Gedenken
nicht erlebten Wolken-bruch“. Unmengen von Schloßen in der Größe
von Walnüssen und Hühnereiern fielen vom Himmel herab.
Aus den umliegenden Tälern, insbesondere aus dem „Kohlloch“,
schossen unheimliche Wassermassen ins Dorf, so dass binnen kurzem der
Mühlbach um 14 Schuh anstieg und eine unbeschreibliche Verwüstung
anrichtete.
Die ganze Nacht über tobte das Wetter, das besonders
verhängnisvoll wurde dadurch, dass mehrere Gewitter über unserem
Talkessel zusammentrafen. Die Erdgeschosse der tiefer gelegenen
Häuser wurden vollkommen überschwemmt, teilweise wurden auch die
darüber befindlichen Stockwerke in Mitleidenschaft gezogen.
Zehn Menschen wurden von dem wilden Wasser verschlungen. Gottlieb Kopp
verlor seine sämtlichen vier Kinder im Alter von 1 bis 10 Jahren.
Bernhard Kirchner büßte drei Kinder ein, von denen das jüngste erst
10 Monate und das älteste 11 und ein halbes Jahr alt war. Aus dem
Obergeschoß des heutigen Jostschen Hauses am Marktplatz wurde ein
69jähriger Mann namens Georg Müller herausgerissen. Die Fluten
trugen ihn in Richtung Königsbach an der Häuserfront des
Marktplatzes entlang. Dabei stieß er an den heute in der Neuen
Brettener Straße befindlichen Wirtsschild des Gasthauses "Zum
Sternen", das sich damals in dem Hause befand, das heute Karl
Bauer gehört. Der Greis klammerte sich an dem Schild fest in der
Hoffnung, sich dadurch retten zu können. Jedoch brach das
schmiedeiserne Kunstwerk auseinander und Müller fand den Tod in dem
tosenden Wasser. Seine Leiche würde erst fünf Wochen später an der
Mühle zu Singen aufgefunden und am 19. Juni in Stein beerdigt. Ebenso
wurde ein dreijähriges Söhnlein des Konrad Knappschneider im
Schloßpark des Herrn von St. André in Königsbach tot aufgefunden.
Die Opfer des Unwetters wurden, soweit sie geborgen waren, am 15. Mai
"unter einer unzählbaren Menge von auswärts herbeigeströmter
Menschen" auf dem Kirchhof beigesetzt.
Sehr groß waren auch die Verluste in den Stallungen. Wie aus der
Schadensliste auf dem Rathaus hervorgeht, gingen 86 Stück Rindvieh
verloren, 12 Pferde, 4 Fohlen, 120 Schweine, 2 Schafe und 9 Geißen,
also insgesamt 233 Stück Vieh; außerdem natürlich noch viel
Kleinvieh und Geflügel.
An Gebäuden wurde eine Mühle und zehn Häuser und Scheunen „von
Grund aus, ohne nur eine Spur zu hinterlassen“, weggerissen. 72
Häuser wurden mehr oder weniger stark beschädigt. Der ganze Ort
wurde durch Anhäufung von Schloßen und Schutt verwüstet, die
Lebensmittelvorräte größtenteils vernichtet.
Auf den Feldern wurden ebenfalls große Verheerungen angerichtet.
Die Äcker wurden von einer dicken Schlammschicht bedeckt und fast
alle Gewächse durch die Schloßen zerschlagen, „wodurch den
mehrsten Inwohnern ihre Nahrung zu Grunde gerichtet worden und die
Leute in unermeßlichen Schrecken versetzt wurden“.
Bürgermeister Mößner berichtet, daß aber durch die Gnade
Gottes in der Folgezeit gedeihliche Witterung geschickt wurde, wodurch
sich manches Nahrungsgewächs wieder erholt habe. Mößner hebt auch
hervor, daß Gott die Herzen der näheren und ferneren Mitbürger
erweckt habe und durch „mildtätige Beysteuer“ die Not für
Nahrung der Menschen und Vieh gelindert wurde. Der Verleger der
"Karlsruher Zeitung", Hofbuchhändler P. Macklot erließ
einen Aufruf an die Leser seiner Zeitung, daß sie helfen möchten,
das Elend schnellstens zu mildern. Die Höhe des gesamten Schadens
wurde auf 117 000.- Gulden geschätzt.
Hundert Jahre lang haben die Steiner ihren „Wassertag“
alljährlich am 13. Mai durch zwei Gottesdienste begangen.
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